Überschneidende Geschlechtersymbole und Personen darin.

Medizin

Gendermedizin: Warum Männer und Frauen unterschiedlich behandelt werden müssen

Die Krankheit bestimmt die Therapie. Wenn Ärzte aber bei ihren Patienten nicht auf das Geschlecht achten, kann das gefährliche Folgen haben. Denn es gibt viele Unterschiede bei Männern und Frauen.

Von Mathias Tertilt

Herzinfarkt bei Frauen und Männern

Herzinfarkte zählen zu den häufigsten Todesgründen. Ein stechender Brustschmerz, der bis in den linken Arm wandert — bei diesem Symptom denken Ärzte sofort an einen Herzinfarkt. Je schneller gehandelt wird, desto höher die Überlebenschancen.

Tatsächlich tritt dieses "typische" Symptom hauptsächlich bei Männern auf. Bei vielen Frauen kündigen sich Herzinfarkte mit harmlos erscheinenden Symptomen an: Ihnen wird übel, sie erbrechen oder klagen über Rückenschmerzen. Die Folge: Sie kommen im Schnitt eine Stunde später die Notaufnahme — und jede Minute zählt.

Herzinfarkte sind nur ein Beispiel von vielen, bei denen Frauen medizinisch benachteiligt sind, weil die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau oftmals ignoriert werden.

Mann und Frau, halbseitig mit Skelettmuskulatur.

Die Körper von Männern und Frauen unterscheiden sich — außen und innen

X und Y machen den Unterschied

Kein Mensch ist gleich, kein Mann gleicht dem anderen und dasselbe gilt für Frauen. Nichtsdestotrotz lassen sich viele biologische Gemeinsamkeiten bei Männern finden, genauso wie bei Frauen. Vergleicht man dann die Gruppe der Frauen mit der der Männer, so lassen statistisch viele Unterschiede gut belegen.

Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen in vielerlei Hinsicht:

  • Erbgut
  • Anatomie
  • Stoffwechsel
  • Hormonhaushalt
  • Immunsystem

Männer kommen meist größer und schwerer auf die Welt, sie haben mit längeren Beinen und breiteren Schultern eine andere Statur als Frauen. Ihr Körper besteht anteilig meist aus mehr Muskeln und weniger Fett als bei Frauen. Doch die besonders wichtigen Unterschiede befinden sich im Innern der Zellen.

Der quasi größte, aber gleichzeitig auch kleinste Unterschied, der sich in jeder Zelle findet, ist die Kombination der geschlechtszugehörigen Chromosomen. Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom.

Auf dem X-Chromosom befinden sich viele Gene, die für das Immunsystem eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus stellt unser Körper mit ihrer Hilfe zum Beispiel auch Enzyme her, die im Körper an wichtigen Reaktionen teilnehmen, indem sie zum Beispiel Nahrungsmoleküle spalten.

Bei Männern ist klar: Sie haben nur ein X-Chromosom. Da sich auf den Chromosomen jeweils einzigartige Gene befinden, sind die Männer auf ihr einzelnes X-Chromosom angewiesen. Bei Frauen hingegen liegen dank zweier X-Chromosomen auch mitunter zwei Varianten eines Gens vor. Zwar werden die meisten doppelten Gene quasi auf stumm geschaltet, doch gerade Gene für das Immunsysteme scheinen dem zu entkommen.

So kann es sein, dass die Gene von Frauen etwa zu mehr Immunzellen oder aber verschiedenen Immunzellen führen.

Unterschiede durch Hormone

Weibliche Körper bilden verstärkt das Sexualhormon Östrogen, Männer mehr Testosteron. Sexualhormone beeinflussen unseren gesamten Körper: Der weibliche Hormonhaushalt führt in der Regel zu einem flexibleren und stärkeren Immunsystem. Das ist auch der Grund, warum Infektionskrankheiten wie die "Männergrippe" tatsächlich mit stärkeren Symptomen einhergeht als es bei Frauen der Fall ist.

Doch das starke Immunsystem hat auch einen Nachteil: Autoimmunkrankheiten wie wie zum Beispiel die chronische Schilddrüsenerkrankung Hashimoto Thyreoiditis treten bei Frauen häufiger auf.

Das Östrogen bewirkt auch, dass die Gelenke von Mädchen und Frauen flexibler und dehnbarer sind als die von Männern.

Auch innerhalb der Gruppe der Frauen treten je nach Lebensphase bedeutende Unterschiede auf: Schließlich macht der weibliche Körper mit der Schwangerschaft eine ganz spezielle Phase durch, ebenso wenn der Körper im Alter in die Menopause übergeht, also die Monatsblutung ausbleibt und die Fruchtbarkeit beendet ist.

Dann stellt der Körper beispielsweise den Hormonhaushalt nochmals um: Das ansonsten starke Immunsystem wird schwächer, Entzündungen an Gelenken oder Infekte häufiger. Während Frauen bis dahin ein viel geringeres Risiko für Herzinfarkte hatten, nimmt das Risiko dann plötzlich um 10 Prozent zu. Für alle Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt das Risiko sogar um 50 Prozent.

Frauen vor und nach der Menopause brauchen daher mitunter andere Therapien oder zumindest andere Dosierungen ihrer Medikamente.

Das Geschlecht bestimmt auch Krankheiten

Es liegt auf der Hand, dass einige Krankheiten nur bei Männern oder nur bei Frauen auftreten können, weil sie Organe betreffen, die geschlechtsspezifisch sind: etwa die Eierstöcke bei Frauen oder die Prostata bei Männern.

Es gibt aber auch Krankheiten, die grundsätzlich bei beiden Geschlechtern vorkommen können, tatsächlich aber sehr viel häufiger bei einem Geschlecht auftreten: Brustkrebs trifft zum Beispiel fast nur Frauen, auch Allergien wie Heuschnupfen oder bestimmte Knochenerkrankungen wie rheumatische Arthritis treten bei ihnen häufiger auf. Während und nach der Menopause leiden Frauen viel häufiger als Männer an Gelenkrankheiten wie Arthritis, bei der die Gelenkknorpel Schaden nehmen.

Männer hingegen haben ein höheres Risiko für Diabetes. Zwar hat ihr Körper einen geringeren Fettanteil, aber gerade das Fett an Bauch und Leber sind für Diabetes ausschlaggebend. Männer sind auch zehnmal häufiger von Gicht betroffen, wenn sich Harnsäure im Körper ansammelt und sich im Bewegungsapparat anlagert und dort zu Entzündungen, Schmerzen und Schäden führt.

Farbige Pillen

Viele Medikamente werden fast ausschließlich an Männern getestet

Medikamente wirken anders

Im medizinischen Alltag hat sich das Wissen um die geschlechtsspezifischen Unterschiede oft noch nicht durchgesetzt. Viele Untersuchungen zeigen, dass Männer und Frauen oft sehr ähnlich therapiert werden.

Medizinisch kann es dann kritisch werden, wenn Ärzte ihren Patientinnen dieselben Medikamente und dieselbe Dosis verschreiben, wie ihren männlichen Patienten. Die Unterschiede zwischen Mann und Frau führen aber dazu, dass einige Medikamente und selbe Dosierungen bei Frauen anders wirken als bei Männern.

Der unterschiedliche Hormonhaushalt und Stoffwechsel kann beispielweise dazu führen, dass Medikamente langsamer abgebaut werden. So hat etwa eine Studie zu einem Beruhigungs- und Schlafmittel in den USA gezeigt, dass Frauen wegen des Medikaments sogar kürzer lebten als Männer. Daraufhin bekamen Frauen das Mittel nur noch mit der halben Dosis verschrieben.

Einige Medikamente richten sich gezielt an die Zellrezeptoren, also die Empfängermoleküle der Zellen, die an der Zelloberfläche sitzen. Viele dieser Rezeptoren kommen bei Frauen und Männern unterschiedlich häufig vor: Zum Beispiel haben Männer in der Regel mehr ACE2-Zellrezeptor, über die das Coronavirus SARS-CoV-2 in die Zellen eindringt.

Werden also Medikamente entwickelt, die diese Rezeptoren beeinflussen sollen, ist es wichtig, die unterschiedliche Häufigkeit bei Mann und Frau zu berücksichtigen, denn es reichte in diesem Fall nicht, wenn das Medikament nach Körpergröße dosiert wird — was viel ungenauer ist.

Wenn sich also Stoffwechsel oder Zellrezeptoren bei Frauen und Männern unterscheiden, Therapien dies aber nicht berücksichtigen, bedeutet das im schlimmsten Fall: Dieselbe Dosis wirkt bei Frauen wie eine doppelte Dosis, und das geht auch mit erhöhten Risiken und Nebenwirkungen einher.

Gendergerechte Medizin braucht angepasste Studien

Bisher gilt der Mann als Forschungs-Standard. Denn in den klinischen Studien, in denen Medikamente oder Therapien getestet werden, sind Männer meist in der Mehrzahl. Das wird zum Problem, wenn der Anteil der Männer in den Studien viel größer ist als der Anteil der Männer, die durchschnittlich an der Krankheit leiden.

Denn am Ende sagen die Studienergebnisse vor allem etwas darüber aus, wie das Medikament bei Männern wirkt, aber womöglich nicht wie bei Frauen. Genauso andersherum: Männer erkranken viel seltener an Brustkrebs als Frauen. Ihre Heilungschancen sind aber im Vergleich zu Brustkrebspatientinnen geringer – das kann daran liegen, dass Männer den Brustkrebs seltener oder später entdecken oder eine Hormontherapie beginnen. Grundsätzlich nehmen auch nur wenige Männer an Brustkrebsstudien teil.

Es ist daher wichtig, dass die Verteilung von Männern und Frauen bei Studien genau so ist, wie sie auch bei den Krankheiten zu beobachten ist. Davon profitieren dann sowohl Männer als auch Frauen.

Geschlechtsspezifische Medizin spielt für Ärzte noch keine große Rolle

Das Thema Gendermedizin bekommt in den Medien und Fachzeitschriften inzwischen mehr Aufmerksamkeit. In der Ausbildung angehender Mediziner spielt es aber bislang eine untergeordnete Rolle. Zwar geben 70 Prozent der Studierenden an, dass sie sich im Studium mit dem Thema beschäftigt haben, allerdings spielt das eine sehr untergeordnete Rolle.

Damit alle Menschen im Alltag von einer geschlechtsspezifischen Medizin profitieren, müssen angehende Ärzte in ihrer Ausbildung hier noch viel stärker geschult werden.

Studierende der Medizinsitzen bei einer Vorlesung im Hörsaal der Medizinischen Fakultät an der Martin-Luther-Universität.

Gendermedizin ist für Medizin-Studierende noch keine Pflicht

(Erstveröffentlichung: 2021)

Quelle: WDR | Stand: 06.12.2021, 11:00 Uhr

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