Eckhard Baumann und sein Engagement für arme Kinder

Porträt Eckhard Baumann

Armut in Deutschland

Eckhard Baumann und sein Engagement für arme Kinder

Von Alicia Rust

Kinder aus bildungsfernen Familien sind doppelt so häufig krank wie ihre Altersgenossen. Sie schneiden in der Schule schlechter ab. Und ihnen mangelt es an nahezu allem, was für Kinder eigentlich selbstverständlich sein sollte: an gesunden und regelmäßigen Mahlzeiten, an Unterstützung und Empathie, an einem kindgerechten Umfeld.
Eckhard Baumann hat sich der Bekämpfung von Kinderarmut verschrieben. Er hat den Verein "Straßenkinder e.V." gegründet und das Kinder- und Jugendhaus Bolle für bedürftige Kinder in Berlin-Marzahn aufgebaut.

Ein zweites Zuhause für bedürftige Kinder

Wenn Eckhard Baumann durch die Räumlichkeiten des Kinder- und Jugendhauses "Bolle" in Berlin-Marzahn läuft, halten ihm strahlende Kinder ihre selbst gemalten Bilder entgegen. "Eckiiii!" ruft ein kleiner Junge vergnügt. So wird Eckhard Baumann, Gründer der Einrichtung, hier von allen genannt.

Abzusehen war es nicht, dass Ecki inmitten eines gigantischen Plattenbauviertels in Berlin-Marzahn eine Einrichtung für benachteiligte Kinder ins Leben rufen würde, in der heute bis zu 150 Kinder pro Tag eine warme Mahlzeit bekommen sowie Betreuungsangebote und eine Hausaufgabenhilfe.

Der 47-Jährige stammt ursprünglich aus einem beschaulichen Ort in Süddeutschland. "Eigentlich hatte ich ein ganz normales bürgerliches Elternhaus. Als Kind habe ich viel Fußball und Tennis gespielt, in den Wintern war ich häufig Ski fahren", sagt Baumann rückblickend.

Mit 22 Jahren zog es ihn die große Stadt. Berlin als Kontrast zum idyllischen Landleben? "Ganz sicher", sagt Baumann. Nur ahnte er damals, Anfang der 1990er Jahre, freilich noch nicht, was ihn in dieser Metropole im Umbruch erwarten würde.

Jugendhaus BOLLE von oben

Das Jugendhaus "Bolle" – eine Oase in Berlin-Marzahn

Mit einem Bein auf der Straße

Der Mauerfall war gerade erst vorbei. "Nirgendwo gab es Wohnungen und von meinem kargen Lehrlingsgehalt konnte ich mir auch keine großen Schritte leisten." Auf ein Zimmer in einer schäbigen Hinterhof-Wohngemeinschaft mit Ofenheizung kamen rund 300 Bewerber. An manchen Tagen wusste Baumann nicht, wo er die nächste Nacht verbringen sollte.

Rund eineinhalb Jahre dauerte die Tortur, bis er schließlich eine feste Bleibe fand. Rückblickend habe ihm diese Zeit geholfen, sich in die Straßenkinder hineinzuversetzen, sagt Baumann. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt: diese Kälte, die Hoffnungslosigkeit, eine bezahlbare Wohnung zu finden, der Mangel an Geld, an nahezu allem, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Eine warme Mahlzeit zum Beispiel."

Diese Zeit habe ihn sehr geprägt. Laut Angaben des Bundeskriminalamts gibt es heute rund 2500 Straßenkinder bundesweit. Hunderte von ihnen tauchen in der Anonymität Berlins unter.

Ein Herz für Kinder

Beruflich ging es für Baumann aufwärts. Als Konstrukteur für Klimaanlagen verdiente er gut. Die Firma war auf Erfolgskurs. Doch nebenher nutzte Baumann jede freie Minute, um sich um obdachlose Jugendliche und benachteiligte Kinder zu kümmern.

Tagsüber besuchte er Baustellen und erstellte Konzepte für seine Anlagen. Nach Feierabend und an den Wochenenden half er, wo gerade Hilfe benötigt wurde. In der Suppenküche, beim Gang zum Sozialamt oder wenn es darum ging, einen Jugendlichen von der Straße zu holen. "Damals hatte ich von nichts eine Ahnung", sagt Baumann und lächelt.

Zum ersten Mal im Leben beschäftigte er sich mit dem Sozialrecht, "um ein bisschen kompetenter zu wirken", wie er sagt. Er drängte die Leute in den Ämtern und ließ sich nicht abwimmeln, wenn es hieß, dass ein anderes Amt dafür zuständig sei. "Die erzählten mir von Paragrafen, und ich dachte: Ich will einfach den Jungen von der Straße holen." Baumann bezeichnet sich und seine Mitstreiter damals als reichlich unprofessionell.

Mangelnde Professionalität wird heute niemand mehr der Einrichtung vorwerfen, die inzwischen 18 Leute fest beschäftigt und mit zahlreichen Auszeichnungen prämiert wurde. Der Kern der Arbeit ist jedoch gleich geblieben: ein Beziehungsangebot für Kinder und Jugendliche, ehrliche Hilfe, Unterstützung und die Begleitung von Kindern in allen misslichen Lebenslagen. "Einen Fall habe ich sechs Jahre lang begleitet, viele unserer ehemaligen Kids halten heute noch Kontakt zu uns", sagt er.

Ein Jugendlicher sitzt im Türrahmen am Boden

Das "Bolle"-Team kümmert sich um Kinder in schwierigen Lebenslagen

Mit der Hilfe für Straßenkinder fing alles an

Doch was hat ihn angetrieben? Wäre es nicht weitaus bequemer gewesen, auf der Erfolgswelle zu schwimmen, als sich ständig und in jeder freien Minute um das Elend von Kindern und Jugendlichen zu kümmern?

"Ich hatte ein einschneidendes Erlebnis", sagt Eckhard Baumann. Viele der Jugendlichen auf der Straße wendeten sich irgendwann der Sucht zu, um ihren Schmerz zu betäuben, erzählt er. Der Dealer eines Mädchens hatte die Drogen mit Rattengift gestreckt. "Dieses Mädchen ist quasi vor unseren Augen gestorben. Qualvoll", sagt Baumann.

Die Trauerrede des Pfarrers in der Gedächtniskirche am Bahnhof Zoo, wo Baumann und seine Mitstreiter einige Räumlichkeiten zur Beratung von Straßenkindern benutzen durften, habe er nie vergessen. Und die Erkenntnis: So etwas darf keinem jungen Menschen je wieder passieren.

Frau  an Tisch mit Lebensmitteln und eine junge Punkerin

Eine Mitarbeiterin von "Straßenkinder e.V." verteilt Essen

Suppe für hungrige Kinder

Im Jahr 2003 endete der Erfolgskurs seines Arbeitgebers abrupt. Die Firma, in der Baumann inzwischen Karriere gemacht hatte, musste Insolvenz anmelden. Einerseits sei das schlimm gewesen, sagt Baumann. Er und seine Frau hatten inzwischen zwei kleine Kinder und gerade war ein Häuschen im Grünen gebaut. Andererseits sei das wohl ein Wink des Schicksals gewesen.

Das rettende Jobangebot, welches aus der Hansestadt Hamburg kam – Baumann hätte deutlich mehr verdient als in Berlin – schlugen er und seine Frau schließlich einhellig aus. "Wir haben festgestellt, dass wir im Grunde alles hatten, was wir brauchten. Wozu also Karriere machen, wenn das Herz eigentlich für etwas anderes schlägt?"

Eine Entscheidung, deren Konsequenz die junge Familie damals noch nicht abschätzen konnte. Anfangs kochten Baumann und sein Mitstreiter Markus Kütter, heute pädagogischer Leiter der Einrichtung, Suppe und Eintöpfe für bis zu 80 Kinder auf seinem heimischen Küchenherd, der für solche Mengen eigentlich gar nicht ausgerichtet war. Mit einem Bully fuhren sie öffentliche Plätze an und gaben warmes Essen an bedürftige Kinder aus. Versuchten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, um Hilfe anzubieten.

Ein Mann und eine Frau am Vereinsbus von "Straßenkinder e.V."

Streetworker vom Verein "Straßenkinder e.V." unterwegs in Berlin

Ans Aufgeben dachte "Ekki" keine Sekunde

Bei ihrer Straßenarbeit mussten sie mit sehr wenig Geld haushalten. Noch im Jahr 2004 hatten sie nur 28 Euro pro Tag für die Essensausgabe zur Verfügung. "Davon haben wir 30 bis 40 Mahlzeiten für die Straßenkinder gekocht", sagt Baumann. Jeden Morgen stand er als Erster im Supermarkt und schaute sich nach Sonderangeboten um.

Später waren es 50 Euro pro Tag, die für 80 Essensausgaben pro Tag ausreichen mussten. Es gab zum Beispiel Kartoffelsuppe mit Würstchen, Gemüseeintopf und Gulasch. Das Geschirr wurde anschließend zu Hause abgewaschen. Bevor es in die Spülmaschine ging, stand Baumann im Garten und spritzte die Teller mit einem Gartenschlauch ab.

Das anstrengende Unterfangen währte beinahe vier Jahre lang. Inzwischen waren die Räumlichkeiten in der Gedächtniskirche, die sie für ihr ehrenamtliches Projekt hatten nutzen dürfen, zu eng geworden. Mit einem Startkapital von 40.000 Euro aus einer Spende suchten sie sich neue Räumlichkeiten für ihre Arbeit und gründeten einen Verein: "Straßenkinder e.V. "

Doch Lebensmittel sind teuer, genau wie die Raummiete und Gehälter. Zum Schluss fuhren Eckhard Baumann und seine Mitstreiter die eigenen Gehälter auf Sozialhilfeniveau herunter, um das Projekt zu retten. Mit der Ungewissheit über den weiteren Verlauf des Projekts wuchs die Unsicherheit.

"Ich weiß, wie sich Perspektivlosigkeit und Verzweiflung anfühlen können", resümiert Baumann. Doch ans Aufgeben dachte er keine Sekunde. Eine weitere Erkenntnis wuchs mit den Zweifeln: Es hilft wenig, nur den Straßenkindern zu helfen. Die Kinder müssen erreicht werden, bevor sie auf der Straße landen.

Bauschutt liegt auf der Straße

Der alte Plattenbau musste für das "Jugendhaus Bolle" umgebaut werden

Ein abgewirtschafteter Plattenbau wird zum "Jugendhaus Bolle"

Mit einer Portion Glück gelang schließlich der Kauf einer abgewirtschafteten Plattenbau-Immobilie im Herzen Berlin-Marzahns. Dort, wo etliche der Straßenkinder ursprünglich herstammten. Das Geld für die Sanierung machten Spenden durch eine Stiftung möglich.

Rund ein Jahr lang dauerte der Umbau. Die Drainage grub Baumann höchstpersönlich. 2010 fiel der offizielle Startschuss für die Einrichtung. Seither ist das Kinder- und Jugendhaus Bolle aus dem Stadtbild Berlins nicht mehr wegzudenken. Drei Bolle-Busse starten von hier aus und versorgen Straßenkinder mit warmem Essen und Rat. "Diese Verknüpfung von pädagogischer Arbeit für bedürftige Kinder und der Betreuung von Straßenkindern ist bislang einzigartig", sagt Baumann.

Die Anerkennung für seine Arbeit erhielt Eckhard Baumann im Jahr der Eröffnung des Kinder- und Jugendhauses: das Bundesverdienstkreuz. "Das war ein tolles Jahr", sagt er und lacht. Man nimmt ihm ab, dass er die Nominierung anfangs für einen Scherz hielt. Manchmal kann er es heute noch kaum glauben.

An die 200 Kinder kommen seit nun fast fünf Jahren regelmäßig ins Kinder- und Jugendhaus Bolle. Hier gibt es auf mehr als 400 Quadratmetern einen Kinderbereich, einen Teeniebereich und einen Jugendbereich. Zahlreiche Sportangebote, dazu Musikunterricht und natürlich eine Hausaufgabenhilfe.

Neben einer warmen Mahlzeit können sich die Kinder bei Bedarf mit dem Nötigsten in der Kleiderkammer eindecken. Vor allem an warmen Wintersachen mangelt es den meisten Kindern. Jedes vierte Kind in Deutschland hat nicht einmal eine warme Jacke, geschweige denn Winterschuhe.

Kinder an Schlagzeug und mit Gitarre

Musikunterricht gehört zu den zahlreichen Freizeitangeboten

400 Quadratmeter Kinderglück

Das rund 2000 Quadratmeter große Grundstück bietet im Außenbereich genug Platz zum Toben und für den Sport. Im Winter werden hier Schneemänner gebaut, im Sommer lockt der Bolle-Garten. "Der Garten ist ein ganz wichtiger Teil unserer Arbeit", sagt Baumann. Hier lernten die Kinder, wie viel Spaß es machen kann, Gemüse und Kräuter selber zu pflanzen. Mit eigenen Händen zu ernten, was man Monate zuvor gesät hat.

Und wie sieht die Zukunft des Projekts aus? Immerhin steigt die Zahl der bedürftigen Kinder weiter. Rund 20 Prozent aller Kinder sind im wohlhabenden Deutschland inzwischen von Armut betroffen, also beinahe jedes fünfte Kind. 2017 wurde deshalb der lange geplante Erweiterungsbau eingeweiht.

Auf drei Etagen plus einem Keller können sich hier die Teenager entfalten. Es gibt ein Jugendcafé, ein Teeniecafé und Räume zum Toben. Einen Raum für die Familienberatung, ein richtiges Büro, Musikprojekträume, Tanzräume, einen Computerraum und ganz wichtig: die Notübernachtung für Straßenkinder.

Kind pflanzt Gemüse

Selbst Gemüse anpflanzen, gehört zum "Bolle"-Konzept

Die "Bildungstankstelle" wird ausgezeichnet

Das Bestandsgebäude wird komplett den Kindern zugeschlagen. Die Räumlichkeiten sind dabei nach Altersgruppen getrennt: eine Gruppe bilden die Fünf- bis Zehnjährigen, eine die Teenies zwischen 11 und 13, und der Jugendbereich gehört den 14- bis 18-Jährigen. Eine weitere Einrichtung befindet sich in einem anderen Brennpunktviertel, für die Straßensozialarbeit in der Warschauerstraße.

Etliche Erfindungen, die Baumann mit seinem Team erarbeitet hat, wurden inzwischen prämiert. Die "Bildungstankstelle" zum Beispiel wurde im Juli 2014 vom Bundesbildungsministerium ausgezeichnet. Rund 80 Kinder pro Woche werden nach diesem Konzept speziell betreut und bekommen gezielte Nachhilfe. Kinder, die allesamt aus bildungsfernen Familien stammen, die ansonsten kaum eine Perspektive an ihren Schulen hätten.

Aber nehmen die Kinder das Lernangebot wirklich gerne in Anspruch? Eckhard Baumann nickt. "Sehr sogar. Es macht ihnen Spaß. Das liegt daran, dass wir eine ganz tolle Sozialarbeiterin haben, die sich nur um diesen Bereich kümmert."

Vielleicht liegt es auch daran, dass sich Baumann ein kleines Belohnungssystem ausgedacht hat: Nach rund sechs Wochen gibt es eine kleine Anerkennung, wenn ein Kind eine bestimmte Punktzahl gesammelt hat für den regelmäßigen Besuch von Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfeunterricht. Ein kleines Quartett etwa oder etwas von Playmobil. Dieser Anreiz aus Ermutigung, Unterstützung und Belohnung hat auch bei seinen eigenen drei Kindern ganz gut funktioniert.

Deutschbuch und Aufsatz, geschrieben von einem Kind

Kinder aus bildungsfernen Familien bekommen gezielt Nachilfe

Stand: 20.11.2015, 10:29

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